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Kleine Beziehungskünstler*innen: Zwischenmenschliche Beziehungen als Vorbild

Zwischenmenschliche Beziehungen entstehen schon im Sandkasten. Wer sein Sandspielzeug teilt ist Freund*in, wer das Teilen verweigert ist Feind*in. Gar so einfach bleibt das mit dem Aufbau und der Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen leider nicht, denn wir Menschen – egal ob groß oder klein – sind ganz schön komplizierte Wesen und diese ganze Beziehungskiste geprägt von Erwartungen.

Die gute Nachricht: Wir Erwachsenen können mit unserem eigenen sozialen Netz aus Freundschaften, Partnerschaften und Familie als Vorbild für die kleinen Beobachter*innen dienen.

Inhalt

Soziale Netze für die Kleinen

Natürlich wünschen wir uns als Eltern und Vertrauenspersonen nichts mehr für unsere Kinder, als dass sie positive Beziehungen zu anderen Menschen führen. Schließlich sind wir Menschen Rudeltiere. Wir brauchen unser soziales Netz um uns geborgen und stabil zu fühlen, als Basis, aus der Selbstvertrauen und Kraft geschöpft werden kann. Kinder sind da keine Ausnahme. Nun ist die Entstehung und die Pflege dieser sozialen Netze leider kein Selbstläufer; es braucht Verständnis füreinander um Missverständnisse und enttäuschte Erwartungen auszuhalten, es braucht Kommunikation und Reflektion. Doch wie knüpfen und pflegen die Kleinen eigentlich ihr eigenes soziales Netz? Was können wir tun, um ihnen dabei zu helfen?

„XY ist jetzt meine beste Freundin! (Denn: Sie hat ihre Glitzersticker mit mir geteilt…)“ – schon die ganz, ganz Kleinen schließen Freundschaften. Irina Bosley und Erich Kasten schreiben in ihrem Buch „Emotionale Intelligenz bei Kindern fördern“, dass Kinder ihre Beziehungen untereinander „auf den Prinzipien von Gleichheit und Freiwilligkeit“ aufbauen. Die gleiche Krippe, die gleiche Nachbarschaft – Wille und Nähe alleine reicht aber eben noch nicht, um Freundschaften aufzubauen und zu pflegen. Es braucht auch Kompetenzen um miteinander umzugehen, Konflikte zu umgehen und sich zu verständigen. Und da kommen wir Erwachsenen ins Spiel…

Vom Vorbild-Sein

Nun ist es eben so: Kinder schauen sich unser Verhalten ab; was wir versuchen durch Worte zu vermitteln, ist im Vergleich dazu fast schon nichtig. Die Vorbildfunktion, die wir für die Entstehung dieser Bindungen inne haben, ist gleichermaßen großartig wie angsteinflößend: Was, wenn wir es versauen? Wenn der Streit mit dem Partner oder der Partnerin die Kleinen fürs Leben zeichnet? Wenn die angespannte Stimmung, die in jeder noch so guten Familie manchmal herrscht, den kleinen Beobachter*innen gar zu sehr zu Denken gibt?

Kein Grund zur Sorge! Selbst Menschen im Erwachsenenalter, die ohne weitreichende Beziehungskompetenzen aufgewachsen sind, können diese Kompetenzen noch lernen, weiterentwickeln – und weitergeben. Das schreiben Hannsjörg und Eva-Mareile Bachmann in ihrem Grundlagenbuch „Familien leben“.

Beziehungsqualitäten in der Familie

Natürlich freuen wir uns dennoch, wenn wir den kleinen Menschen schon im Kindesalter etwas von der benötigten Beziehungskompetenz mitgeben können. Der wichtigste Faktor hierfür sind laut Bachmanns die Beziehungsqualitäten innerhalb der Familie. Denn die beeinflussen nicht nur den Umgang zwischen Eltern, Partner*innen und Kindern, sondern auch die Kontakte nach außen – unser soziales Netz.

Was bedeutet aber „Beziehungsqualitäten“? Das sind Werte, die – wenn sie von Eltern verinnerlicht und gelebt werden, dazu führen, dass sich Beziehungen gut anfühlen, Wärme und Nähe entstehen können. Bewährt haben sich hier „Gleichwürdigkeit, persönliche Integrität, Authentizität und persönliche Verantwortung.“ Werte, die, wenn man mal ehrlich ist, eigentlich auf der Hand liegen sollten, denn unsere besten Freundschaften basieren genau auf diesen; Menschen sind uns sympathisch, wenn sie diese Werte leben – wenn sie eigene Bedürfnisse und Fehler klar kommunizieren, aber genauso mit Verständnis auf die eigenen reagieren.

Was bedeutet das für die Praxis?

Werden diese vier Werte nun auch im Familienalltag vorgelebt, haben Kinder die Chance diese ganz einfach zu erlernen. Was heißt das denn nun aber genau? Hier ein paar Tipps für die Praxis:

Gleichwürdigkeit bedeutet Kindern die gleiche Würde zuzugestehen wie Erwachsenen. Das heißt, dass Kindern von Anfang an als eigenständige Person begegnet wird. Es gilt, ihre Signale wahrzunehmen und ernst zu nehmen – “Ich sehe, dass dich etwas beschäftigt, ich gebe mir Mühe, zu verstehen, was du mir sagen willst.” Und auch, gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Persönliche Integrität bedeutet mit sich selbst in Übereinstimmung zu leben. In der Praxis heißt das, eigene Bedürfnisse und Grenzen freundlich zu formulieren – für sich selbst einzustehen aber dabei klar zu machen, dass sich dies nicht gegen andere Familienmitglieder richtet. Es bedeutet aber auch, genau hinzusehen und die Bedürfnisse und Grenzen des Kindes genauso zu akzeptieren und sich von eigenen Erwartungen zu lösen: “Es ist okay, dass du kein Musikinstrument lernen möchtest, auch wenn wir uns das so vorgestellt haben.”

Authentizität bedeutet Echtheit und Eindeutigkeit in Verhalten und Sprache. Es passiert allzu schnell, dass wir als Eltern in Rollen geraten, von denen wir glauben, dass sie von uns erwartet werden. Stattdessen sollten wir versuchen, wir selbst zu sein und uns nicht zu verstellen. Und auch in schwierigen Momenten zu unseren Gefühlen zu stehen und unsere Entscheidungen zu erklären. Es bedeutet auch mal zu sagen: “Es geht mir gerade nicht so gut, ich brauche einen Moment für mich.”

Persönliche Verantwortung bedeutet für sich selbst und das eigene Leben Verantwortung zu übernehmen. Das ist schwierig, es braucht Zeit dies zu erlernen. Aber es bedeutet, dass wir klar kommunizieren müssen, was wir uns wünschen, was wir uns nicht wünschen, was wir schaffen können und was nicht. Wenn wir Ja sagen, meinen wir Ja. Und andersherum. Und ganz wichtig: Es ist auch möglich, sich Bedenkzeiten einzufordern – “Das kann ich gerade noch nicht beantworten, gib mir noch etwas Zeit.”. Und auch, die eigenen Ansichten zu ändern und dies zu kommunizieren: “Das habe ich falsch eingeschätzt, ich muss hier nochmal neu ansetzen.” 

Beziehungsqualitäten außerhalb der Familie

Diese Beziehungsqualitäten betreffen aber natürlich nicht nur die Eltern-Kind-Beziehung und die Paarbeziehung, sondern auch die elterlichen Beziehungen zu Freunden, Kollegen, Nachbarn oder zu den eigenen Eltern und Geschwistern (… denn mal nebenbei: Starke Beziehungen jenseits der eigenen Kernfamilie, die auf gesunden Werten basieren, sind schließlich auch für uns Erwachsene ein Gewinn. Auch wir brauchen dieses Netz). Können Kinder diese Art von Beziehungen beobachten, bietet dies gute Startbedingungen für die Entwicklung eigener guter Bindungen jenseits der eigenen Familie.

Übrigens können wir unseren Kindern diese Werte am Besten vorleben, bevor sie in die Pubertät kommen. Denn dann – wer hätte es gedacht? – nimmt die Wichtigkeit der elterlichen Beziehungen als Vorbild ab und die Gleichaltriger gewinnt an Relevanz.

Und wenn es kracht?

Was aber, wenn es im fragilen System Familie oder in der Paarbeziehung nun doch mal kracht? Wir sind schließlich alle nicht perfekt, tragen alle unsere Päckchen und sind alle mal übermüdet. Da kann es in jeder Beziehung mal zu dicker Luft kommen. Kommt vor! Bloß nicht stressen lassen! Hier ist der Wert der „persönlichen Verantwortung“ wichtig, wir müssen als Eltern zu unseren Aussetzern stehen, sie kommunizieren, uns entschuldigen – auch u gegenüber dem Kind. Also beispielsweise erklären, dass man wirklich nicht hätte laut werden dürfen, dass es aber gerade sehr wichtig ist, loszukommen, weil ein dringender Termin ansteht, wegen dem man nervös ist.

So verlieren diese Momente für das Kind den Schrecken, es beginnt zu verstehen, dass wir Erwachsenen auch mal daneben liegen, einen schlechten Tag haben und einfach nicht unfehlbar sind. Und es lernt, wie wichtig es in eigenen Beziehungen ist, sich auch mal für ein blödes Verhalten zu entschuldigen.

Übrigens noch ein Hinweis zum Schluss: Bachmanns beruhigen uns mit der Aussage, dass Kinder von Natur aus alle Kompetenzen mitbringen, um die beschriebenen Beziehungsqualitäten zu leben. Meistens können wir Erwachsenen sogar noch was von den Kleinen lernen. Die sind nämlich oft deutlich authentischer als wir. Schlüpfen wir Großen also vielleicht zwischendrin auch mal in die Rolle der Beobachter*innen…

  1. “Familien leben. Wie Kinder und Eltern gemeinsam wachsen” von Hannsjörg Bachmann & Eva-Mareile Bachmann

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